Warum Internet-Startups scheitern

Ein Gastbeitrag von Anwalt Chan-jo Jun

Als Anwälte mit der Spezialisierung im IT-Recht haben wir in den letzten Jahren hunderte von Unternehmern und Unternehmensgründern kennengelernt und begleitet. Einige Unternehmen wurden sehr erfolgreich, eine größere Anzahl jedoch scheiterte schon in den ersten Jahren nach der Gründung. Die Gründe und Muster sind dabei gar nicht so vielfältig. Mit rechtzeitiger Beratung hätte man die gescheiterten Kandidaten entweder zum Erfolg oder – und das ist die viel schwierigere Empfehlung – zu einem früheren Aufgeben des Unterfangens bringen können.

Hier sind die häufigsten Gründe fürs Scheitern:
1. Cooles aber unnötiges Produkt
IT-Startup-Ideen entstehen meistens mit einer technischen Innovation. Das Netz macht es möglich, einen Bedarf zu decken, für den man vorher aus dem Haus gehen musste: Onlinebanking, Lebensmittel kaufen oder Reisen buchen. Die Gründer sind begeistert, eine Nische gefunden zu haben, die bisher noch nicht erschlossen war und sich mit einigen technischen Aufwand realisieren lässt. Gründer übersehen dabei häufig, dass der Bedarf bei zahlungswilligen Kunden bei weitem nicht so groß ist wie angenommen. Bei Umfragen mögen viele Freunde angeben, dass sie einen Brötchenlieferservice cool fänden, wenn es jedoch darum geht, die Brötchen fix im Abonnement zu bezahlen oder für die Lieferung 3,00 € Aufpreis zu bezahlen endet jedoch die Begeisterung. In Businessplänen klingt es einfach, 1 % des bundeweiten Brötchenumsatzes zu erobern, in der Wirklichkeit scheitert man bereits an den ersten 100 Kunden.
Manche Geschäftsideen versuchen einen Spezialbedarf zu bedienen, wie etwa eine regionale Datingplattform, ein Versandhandel für Spezialprodukte oder ein Bewertungsportal für Versicherungsvertreter. Oft ist der Bedarf schon durch Amazon, Google und Co. hinreichend gedeckt, so dass für ein Spezialportal kein Bedarf verbleibt. Gründer stellen sich gerne einen reflektierten, begeisterungsfähigen Kunden vor, der auf jedes sinnvolle Produkt mit einer Kaufentscheidung reagiert.

2. Falsche Teamzusammensetzung
Wenn sich Gründerteams aus Studienkollegen bilden, sind häufig einzelne Qualifikationen und Positionen mehrfach besetzt, während andere unbesetzt bleiben. Das mag unschädlich sein, wenn die mehrfach besetzte Qualifikation auch die Dienstleistung ist, die hauptsächlich erbracht wird. 5 Anwälte können sich ohne Weiteres zur Gründung einer Anwaltskanzlei zusammenfinden, wenn Sie jedoch ein Internet-Startup betreiben wollen, sollten Sie lieber ein paar Juristen durch Kaufleute, Vertriebler und Techniker ersetzen. Umgekehrt taugt die reine Informatikergruppe zwar für einen Softwaredienstleister, aber nicht so gut für eine Handelsplattform.

3. Naive Finanzpläne
Mancher Gründer spart sich über Jahre das Kapital für die Existenzgründung zusammen. 30.000,00 € sehen aus wie eine signifikante Investition, reichen aber noch nicht einmal für eine individuell programmierte Website, wenn sie über ein Standard-Content-Management-System hinausgehen soll. Die Startups ohne eigene Softwareentwickler unterschätzen regelmäßig den benötigten Aufwand für Technologieentwicklung. Während sich die Internetpräsentation einer Arztpraxis für 5.000,00 € realisieren lässt, benötigt ein Portal für Gemüseboxen für individuell zusammengestellte Gemüseboxen leicht das 10 – 100-fache dieses Budgets. Immer wieder bekommen wir Fälle angetragen, wo ein Startup statt der veranschlagten 20.000,00 € schon 50.000,00 € ausgegeben hat und noch kein Ende in Sicht ist, so dass man den Softwareentwickler verklagen möchte. Dass dieser Rechtsstreit dann auch noch 20.000,00 € kosten soll ist dann typischerweise das teure Ende einer Gründungsgeschichte.

4. Empfehlungen
Gründungen sind riskant, allerdings basieren die meisten Misserfolge auf vermeidbar falschen Entscheidungen. Wenn Sie jetzt erwarten, dass wir als Anwälte empfehlen, man solle als erstes zum Anwalt gehen, dann täuschen Sie sich. Rechtliche Risiken sind meistens gar nicht die schwierigsten Herausforderungen und wasserdichte Verträge haben keinen Nutzen, wenn man noch keine Kunden hat. Gründungsberatung wird in Würzburg schon an verschiedenen Stellen zu fairen Konditionen angeboten. Wer glaubt, dass er aufgrund seiner langjährigen Berufserfahrung alles gelernt hat, was man zum Gründen braucht, sollte ausreichend Budget für Rückschläge einplanen.

www.kanzlei-jun.de