Es gibt viele überzeugende Gründe, warum man keine Nacktfotos von sich in Umlauf bringen und die seiner Klassenkameraden nicht weiterleiten sollte. Das ist so offenkundig wie die Regel: Du sollst nicht rauchen, beim Autofahren kein Handy bedienen oder rote Ampeln überfahren. Die Umsetzung und Vermittlung solcher Regeln ist eine müßige Angelegenheit.

Als Anwälte haben wir es da leicht. Was richtig oder falsch ist, ergibt sich aus dem Gesetz. Wenn es einer dann noch nicht glauben will, ruft man ein Gericht an. Fragen der Moral sind Zierde bei der Argumentation aber wir brauchen uns als Anwälte nicht einmal dafür rechtfertigen, wenn Gesetzte unsinnig sind. „Steht halt so im Gesetz.“

Insofern klingt es nach einer Aufgabe von überschaubarer Schwierigkeit, wenn uns der Stadtjugendring darum bittet, die Rechtslage beim Cybermobbing und Sexting gegenüber Schülern der 7. und 8. Klasse zu erklären. Nach den ersten Veranstaltungen sehen wir schon: Der Erkenntnisgewinn liegt durchaus auf beiden Seiten. Neben der Bestätigung von längst Gehörtem ergeben sich gelegentlich auch überraschende Erkenntnisse, die wir hier gerne teilen möchten. Schüler wundern sich, was alles verboten ist.

Mit Plattitüden darüber, dass Mobbing böse ist und schwere Schäden verursacht, brauchen wir uns in der knappen Zeit nicht aufhalten, da winken die 14-Jährigen ab und versinken wieder in den Dämmerzustand. Auf die Frage, wer schon mal Täter oder Opfer von Mobbing war meldet sich pflichtbewusst keiner, ebenso auf die Frage, wer gerade jetzt auf seinem Handy jugendpornografisches Material gespeichert hat. Überraschend an dieser Stelle ist, dass seit nun schon einiger Zeit auch der Besitz von jugendpornografischem Material – und das schließt die Abbildung Jugendlicher bis 17 Jahren ein – bei Geldstrafe oder Freiheitsstrafe verboten ist. Man kann sich strafbar machen, wenn man auf Whatsapp ein Bild bekommt und dieses nicht gleich löscht – schlimmer noch: Es ist sogar in der Gruppe leicht nachvollziehbar, wer das Bild alles erhalten hat. Entsprechend ergibt sich daraus der kürzeste Weg für den Streifenwagen beim Einsammeln der Handys.

Wo wir schon bei den Schockern mit erhobenen Zeigefinger sind: Für kurze Aufmerksamkeit sorgt auch die zivilrechtliche Klage, bei der ein 12-Jähriger einen anderen 12-Jährigen auf Schmerzensgeld und Unterlassung verklagt hat, weil er auf einer Facebook-Seite beleidigt wurde. Jetzt ist zwar Facebook heutzutage nicht mehr das Medium der Wahl für 12-Jährige, die Transferleistung auf Instagram oder Whatsapp erfordert jedoch nicht viel Anstrengung. Das Gericht verurteilte den Teenager zu einem Schmerzensgeld von 1.500,00 €. Dass das Taschengeld hierfür nicht ausreicht, kann dem klagenden 12-Jährigen für die nächsten 30 Jahre egal sein, da sich bis zum Ablauf des Vollstreckungstitels durch die Verzinsung beim 41. Geburtstag eine Summe von knapp 3.355,52 € ergibt.

Überraschend für Anwälte:
Problem ist viel verbreiteter als gedacht

Wenn man nach Studium und Referendariat den ständigen Kontakt zu Teenagern verliert, erscheinen einem die Presseberichte für dramatische Mobbing-, Sexting- und Selbstmordfälle wie mediale Einzelfälle, die zum Glück wenig mit der Schulsituation in Würzburg zu tun haben. Wenn man jedoch an einer kirchlichen Schule fragt, wer alles das Video von der 13-Jährigen gesehen hat, die Sex in der Umkleidekabine bei einem Modehaus hatte, wundert man sich doch wieder über die hohen Verbreitungsgrade. Auch in der Kanzlei bekommen wir immer öfter Anfragen von Mobbingopfern oder Eltern, bei denen beispielsweise ein Penisbild viral gegangen ist. Trendige Medien haben längst aufgegeben, von Sexting abzuraten, sondern geben eher pragmatische Tipps: „Mach´s wie Veganer, verschicke nichts mit Gesicht.“ Eltern sollten ihren Kindern das Verschicken von Nacktfotos erst gar nicht verbieten, sondern eher zum verantwortlichen Umfang aufklären. Das sehen wir als Juristen dann durchaus anders. Auch wenn es wenig kreativ erscheint, gleich mit der Jurakeule zu kommen, sollte man an dieser Stelle doch wenigstens kurz darauf hinweisen, dass die unverlangte Übermittlung von pornografischen Material bereits strafbar ist. Besonderen Wert legen wir bei unseren Aufträgen dann auf die Rolle der Zuschauer und Empfänger. Die müssen sich nämlich entscheiden, ob sie durch Weiterleiten selbst zum Täter werden, auch wenn sie nur über die sensationelle Verbreitung berichten wollten. Oder ob sie das Richtige tun, indem sie die Verbreitung unterbinden, illegales Material löschen oder sogar Gegenrede betreiben.

Noch eine Überraschung: Hessen vorne, Bayern schläft

Wir sind nicht die Ersten, die über Cybermobbing und Umgang mit Medien aufklären, einige Schulen haben etwa Medienscouts installiert, das sind ältere Schüler, die Jüngeren beim Umgang mit ihren digitalen Endgeräten helfen. Im Schulamt tagen Arbeitsgruppen zum Thema und viele Schulen haben ihr eigenes Fortbildungsangebot organisiert. Von einer Aufnahme in den Lehrplan indes dürfen bayerische Schüler nur träumen und sich darüber wundern, dass dies in anderen Bundesländern längst Realität ist. In Hessen etwa nimmt man in weiteren Schulen Snapchat, Youtube und Instagram genauso durch wie die Könige des Mittelalters oder die größten Berggipfel. Immerhin hat der Freistaat Budgets für Digitalisierung an der Schule bereitgestellt, von dem Smartboards und Tablets angeschafft werden, pädagogische Konzepte sind dann bestimmt nicht mehr weit.

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